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Trashy Life -
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*'*FOOD JUNKIE*'*

Man kann nie genug haben

Die bei einer Essattacke verzerrten Mengen sind von Person zu Person verschieden. Dadurch ergeben sich auch unterschiedlichste Kalorienmengen. Christopher G. Fairburn schrieb in seinem Buch „Ess-Attacken stoppen“, dass man in einer Studie zu dem Ergebnis gekommen ist, dass cirka 25 Prozent  der an Bulimia nervosa erkranken Personen im Durchschnitt zwischen 1000 und 2000 Kalorien zu sich nimmt. Ein Fünftel über 5000 Kalorien und ein zehntel der Probanden sogar über 6000 Kalorien zu sich genommen hat und das bei einer einzigen Essattacke. Es gibt aber auch genügend, die auch nur kleine Mengen zu sich nehmen und diese schon als Essattacke bezeichnen, da dies für sie ein Zeichen der Schwäche und ein Kontrollverlust ist. Diese kleinen Mengen werden bei der American Psychiatric Association nicht als Essattacken anerkannt, da laut deren Definition von einer weitaus größere Menge gesprochen wird.

Auch schreibt Fairburn, dass zwischen zwei Episoden der Ess-Attacken unterschieden wird. Zu einem eingeteilt in subjektive Episoden die eben geringere Mengen vor sieht und den objektiven Episoden, wo tatsächlich sehr große Mengen aufgenommen werden.

Aus diesen großen Mengen an Lebensmittelverzehr kommt es zum Verbrauch von großen Geldmengen, die nicht selten zu finanziellen Problemen führt. Ich selbst habe im Laufe meiner Therapien jemanden kennenlernen dürfen, der deswegen einen Kredit aufnehmen musste und sich daraufhin einen zweiten Job suchte. Wer jetzt denkt, dass man vor lauter Arbeiten gar nicht mehr Zeit für Essttacken haben kann, der irrt. Man findet immer einen Weg. Und sei es in der halben Stunde, die man von der Arbeit nach Hause unterwegs ist, dann noch 20-30 Minuten weiter Zeit in Anspruch nimmt um zu Essen und Erbrechen und dann gleich schlafen gehen muss. Zeit findet man immer dafür.

Ich habe versucht mal zu eruieren, wie viel ich an Kalorien und Geld verbrauche. Dazu bin ich zu dem Ergebnis gekommen dass ich im Durchschnitt ca. 10-15 Euro ausgebe. Es ist nicht so einfach zu sagen, dass ich das alles für eine Ess-Attacke ausgebe, da ich in einen richtigen Kaufrausch verfalle und meistens so viele Lebensmittel kaufe, sodass ich für mindestens zwei bis drei Ess-Anfälle vorgesorgt habe. Auch wenn ich mir vor nehme, beim nächsten Mal weniger zu kaufen um nur für eine einzige Attacke vorzusorgen, komme ich dennoch mit Riesenmengen nach Hause. Es ist immer wieder das Gleiche. Wenn ich in meinen Rausch an Lebensmittel verfalle, ist es immer zu wenig. Die Mengen, die ich verzehren will sind dann immer größer als mein Magen je aufnehmen könnte. So kommt es dazu, dass ich dann weitere ein bis zwei Anfälle hintereinander erleide. Immer mit dem Hintergedanken, dass es das letzte Mal war. Quasi zum Abschied. „Und außerdem jetzt habe ich die Lebensmittel schon zu Hause und gehöre gegessen, da ich am nächsten Tag alles richtig machen werde. Morgen beginne ich komplett von vorne. Mit einer richtigen Diät“, denke ich mir dabei.

Was ich an Kalorien verputze weiß ich nicht. Aber es dürfte sich schon in einem Bereich von 4000-6000 Kalorien handeln.

Weiters unterscheidet Fairburn unter drei Arten von  Essattacken.

Es gibt die Voll-, Halb- und Zeitlupenattacken. In meinen Fall handelt es sich zu 85 Prozent um die Vollattacken, die wie folgt beschrieben werden: schnelles, genußloses essen, wobei man meistens der Geschmack positiv empfunden wird, aber mit der Zeit abschwächt. Fast ausschließlich wird dabei heimlich gegessen. Ich esse entweder unterwegs, um vorher noch zu erbrechen bevor ich mein Ziel, wie zum Beispiel mein Elternhaus, erreiche oder in meiner Wohnung in der ich alleine lebe. Selten esse ich in Anwesenheit von anderen maßlos. Wenn, dann befinde ich mich hierbei in der Halbattacke, die ebenso mit maßloses Essen voraus geht, jedoch von mir selbst beendet werden kann. Bei den Vollattacken kann ich nicht – und in dem Moment will ich auch gar nicht – aufhören. Ich esse, bis ich komplett voll bin. Bis ich entweder kaum noch Luft habe oder zusätzlich auch aus irgendeinem Grund Niesanfälle bekomme. Dann, wenn ich wirklich satt bin – wobei SATT das falsche Wort ist, da ich kein Sättigungsgefühl habe – erst dann höre ich auf zu Essen, dass oft mich Bauchspannen und Druckgefühl begleitet wird. Ich hasse es zu erbrechen. Das ist dann immer die Kehrseite der Medaille. Damit ich erbrechen kann muss ich meistens vorher noch ein bis zwei Zigaretten rauchen. Nicht weil es den Brechreiz steigert, sondern weil ich mir erst dazu zwingen muss, es zu tun. Während andere sich bei einer Sache Mut antrinken müssen, muss ich eben eine rauchen. Es ist nicht selten vorgekommen, dass ich mich nicht überwinden konnte und ich dann keine andere Wahl hatte, als zu akzeptieren, was ich angerichtet habe. Das ist auch der Grund, warum ich trotz der Bulimie auch zwischenzeitlich übergewichtig war. Wussten Sie, dass die meisten, die mit Bulimie kämpfen, normalgewichtig sind? Das liegt daran, dass man oft nie genug erbrechen kann. Ein Arzt hat mir mal erklärt, dass bis zu einem viertel der Essensmenge im Magen zurückbleiben kann. Da aber der Körper befürchten muss, dass ihm auch diese Menge weggenommen werden kann, saugt er alle Kalorien förmlich auf und speichert für Zeiten, wo er nichts bekommt. Deshalb braucht man sich nicht wundern, dass viele ohne es ihnen anzusehen, an Bulimie erkrankt sind.

Bei einer Zeitlupenattacke ist es schon über Stunden vorhersehbar, bis ich es nicht mehr aushalte und wenn ich mich nicht mehr dagegen wehren kann sogar über die Essattacke freue. Zumindest für einen Moment. Das schlechte Gewissen läßt sowieso nicht lange auf sich warten. Meistens habe ich schon beim Einkaufen, nein, sogar schon beim Anziehen ein schlechtes Gewissen, weil ich weiss, das ich gleich wieder einen Fehler gegehen werde.

Bevor ich esse kämpfe ich oft stundenlang. Manchmal arbeite ich nicht dagegen an und lasse es einfach ohne mit der Wimper zu zucken über mich ergehen. Ich sitze dabei in meiner Wohnung und schaue fern oder - so wie jetzt - arbeite ich an meinem Computer und ich weiß meistens schon in der Früh beim Aufstehen, ob ich es schaffe, den ganzen Tag stark genug zu sein oder nicht. Meistens jedoch gebe ich mich nach stundenlangen Kampf geschlagen. Das Craving ist dann oft so stark, dass ich von Minute zu Minute dagegen kämpfen muss. Craving bedeutet soviel wie unbändiges Verlangen, dass jedoch eher bei den Alkoholkern genannt wird. Da aber das Prinzip des Verlangens gleich ist wie bei den Alkoholkranken, habe ich es auch in meinem Wortschatz eingebaut.

Wenn ich dann schlussendlich nicht mehr widerstehen kann, gehe ich einkaufen. Selten habe ich von einer der letzten Attacken noch was zu Hause. „Was soll ich essen? Worauf habe ich am meisten Lust? Heute ist das letzte Mal und da gönne ich mir noch einmal alles, was verboten ist und ich gerne esse. Es bleibt dann wirklich nur mehr bei diesen einem Mal. Wirklich!“ versuche ich mein Gewissen zu beruhigen. Dann starte ich los in eines meiner umliegenden Läden. Manchmal gehe ich auch weiter weg in einen Laden. Um die Essattacken vor fremden Supermarktpersonal zu verheimlichen, wechsle ich mich immer wieder ab. Ich schäme mich für meine Schwäche. Es muss ja nicht ein jeder wissen, dass ich ein Versager auf diesem Gebiet bin. Und ich will es auch nicht unbedingt zur Schau stellen. Also werden diverse Läden entweder auf einmal abgeklappert, oder ich gehe von einer Essattacke zur andern in jeweils ein anderes Geschäft. Wäre ja peinlich, wenn ich drei Mal am Tag in ein und demselben Laden rein gehe und Unmengen an Süßigkeiten und Fertigprodukte kaufe. Nein, dass darf nicht passieren. Man muss immer versuchen, den Schein zu wahren. Was sich sonst das Personal denken würde, wenn ich schon  wieder herein spaziere. Gar nicht auszudenken, was das für eine Blamage für mich wäre. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob sie es mit der Zeit – immerhin werden es im nächsten Monat drei Jahre seit dem Ausbruch – nicht trotzdem auffällt. Immerhin sind es meistens sehr ähnliche Dinge, die ich mir kaufe. Entweder Schokolade oder Schokolinsen, Eis und Pizza, Lasagne oder Gulasch, Kuchen, Kekse sowie Cremeschnitten oder Profiteroles. Das ist so ungefähr die Menge, die ich auf einmal kaufe, wenn ich mich entscheiden kann. Das meiste sind Süßigkeiten. Dazwischen oder am Ende entweder etwas Saures oder Pikantes. Warme Mahlzeiten gibt es bei mir sowieso nur, wenn ich weiß, dass es wieder retour kommt. Ich kann einfach keine warmen Speisen zu mir nehmen, ohne ein dermaßen schlechtes Gewissen wegen den Kalorien zu haben, sodass ich früher oder später zur Toilette muss. Es geht einfach nicht in meinen Kopf hinein. Das halte ich psychisch einfach nicht aus.

Ich weiß, dass die oben genannten Lebensmittel mehr Kalorien haben als eine Portion von einer warmen Mahlzeit. Aber auch bei diesen weiß ich ja schon im Vorhinein, dass ich es wieder erbreche. Ich weiß schon bevor ich einkaufe, dass es im Endeffekt fürs Klo gewidmet ist.

Sicher könnte man jetzt sagen, "Na da kannst du ja gleich das Geld in den Kanal runterspülen!" Aber wo wäre da der noch ein wenig empfundene Genuss? Außerdem geht es mir ja ums Essen und nicht ums erbrechen. Erbrechen selbst ist nur ein leidiger Nebeneffekt.

My book

Intro

Hungerkünslter Seelenhunger

Was dem Seelenglück an Größe fehlt, wird durch Essensmenge ausgeglichen ***.*** Wer sich selbst überwindet, wird stark (Lao Tse)