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*'*FOOD JUNKIE*'*

 

 

Lügen als Krankheitssymptom

„Ja, hallo, ich kann leider nicht, mir geht es nicht besonders.“ … „Nein, ich bin total k.o.“ … „Ahm, nein, hab jetzt keine Lust!“ „Ich bin müde, ich fahre nach Hause!“

Es gibt viele Gründe, warum man aus irgendeiner fadenscheinigen Ausrede nicht in Kontakt mit anderen treten kann oder abbrechen muss. Entweder bin ich gerade Mitten in einer Fressattacke, dann kommen so ausreden, wie die ersten drei Beispiele oder ich war gerade mit jemanden essen und muss dringend nach Hause, damit nicht zuviel Zeit vergeht, bis ich mich übergeben kann. Entweder ich entledige mich schon am Nachhauseweg in einem öffentlichen Klo oder ich kann mich rechtzeitig von meinen Freunden mit irgendeiner Ausrede losreißen, um gleich, nachdem ich die Haustüre geschlossen habe, die Toilette aufzusuchen.

Auch Gründe gar nicht zu Essen gibt es zu genüge. Ich könnte jetzt eine ganze Liste aufschreiben mit Ausreden, warum man jetzt gerade nicht essen kann, aber interessanter und wichtiger erscheint es mir, in meinem Buch zu erwähnen, warum man lügen MUSS,  um die Erkrankung geheim halten zu können oder den Moment des Rückfalles nicht preisgeben zu müssen.

Wer will von den Angehörigen und Bekannten schon wissen, dass die geliebte Freundin, Tochter, Kollegin gerade zu Hause sitzt und rund um sich Schokolade, Eis, Wurstsemmeln usw. gestapelt hat? Oder anders gesagt, wer von den Erkrankten will, dass sie gerade im Hier und Jetzt eine Fressattacke durchlebt und andere sind dabei oder wissen, dass es jetzt gerade passiert? Niemand. Nicht das Umfeld und auch nicht der Erkrankte selbst hat daran Interesse, dass er gerade jetzt schwach ist, sich nicht zusammenreißen kann und nicht stark genug ist, der Krankheit Herr zu werden. Der Sucht, die immer wieder ihren Tribut fordert. Oft in Ausmaßen, die sich ein Außenstehender nicht vorstellen kann. Ich spreche hier nicht von 1.500 Kalorien oder 1,70 € für eine gönnerhaft überteuerte Schokolade. Aber auf die Kosten und Mengen werde ich im nächsten Kapitel ("Man kann nie genug haben" ) eingehen.

Fressattacken sind mit Schuldgefühlen, Frust, Scham und Ekel behaftet. Nicht oft kommt es vor, dass gerade deswegen über die Erkrankung geschwiegen wird. Er will schon darüber reden, dass er gerade wieder Popcorn aus dem Müll geholt hat, die er vor zwei Stunden weggeworfen hat, damit er eben solche Attacken verhindern kann. Wer spricht schon gerne davon, dass neben dem Klo die Kotze klebt oder an den Wänden. Niemand. Die Krankheit ist ekelerregend, ohne Zweifel. Aber dennoch steckt ein kranker Mensch dahinter, der genauso Gefühle hat und sich selbst dafür schämt und sich vor sich selbst ekelt. Selbstinduziertes Erbrechen ist nun mal mit Scham besetzt, ist es doch etwas sehr Intimes vergleichbar mit Sex. Viele tun es und keiner spricht darüber. Ich schon. Ich will auch nicht irgendetwas beschönigen, sondern mal Klartext sprechen.

Ich habe gelogen. Heute. Erst kurz, bevor ich mit diesem Text zu schreiben begonnen habe. Das ist auch der Grund, warum ich mich diesem Thema widme. Mag sein, dass der eine oder andere denkt, ich sei hinterfotzig oder gemein. Aber das hat viele Gründe. Gründe, wie bei einem Alkoholiker, Drogenabhängigen oder bei anderen typischen Süchtigen.

Zu einem liegt es daran, dass man von Außenstehenden nicht verstanden wird. Wie auch? Ich verstehe mich selbst oft nicht, warum ich das alles (einkaufen, fressen, verheimlichen, kotzen, lügen) tue. Ich selbst denke mir oft: „Das ist echt krank!“ Und genau das ist aber der springende Punkt. ES IST KRANK. Vor allem die Bulimie oder Magersucht können ohne den Lügen gar nicht existieren. Ob es bei Binge Eating-Störung ebenso der Fall ist, kann ich nicht beantworten.

Was bleibt einem anderes übrig, wenn man gefragt wird, ob man in den Prater zum Stelzen essen mitgehen will? Ich kann nicht sagen: „Ja, ja… kein Problem. Ich komme gerne mit!“ Das allein ist schon gelogen. Denn es ist erstens ein Problem und zweitens gehe ich nicht gerne mit. Da sind dann mit einem Schlag unzählige Fragen zu beantworten:

  • Kann ich durchhalten und nichts essen?
  • Werde ich wieder versagen?
  • Kann ich dort am Klo alles wieder rückgängig machen?
  • Werden die anderen sofort wissen, warum ich auf die Toilette gehe?
  • Werden sie gleich, egal warum ich aufs Klo gehe, denken, dass ich mich übergebe, auch wenn es nicht der Fall ist? (Kleine Anmerkung: Auch unsereins muss mal aus ganz natürlichen Gründen, wie jeder Gesunde auch, auf die Toilette.)
  • Wenn ich dort nicht auf die Toilette gehen kann (weil zum Beispiel die Angst erwischt zu werden zu groß ist), was soll ich sagen, damit ich gleich nach dem Essen nach Hause fahren kann?
  • Soll ich heute einfach mal wie jeder normale Mensch essen und riskieren, dass ich morgen mindestens ein Kilo mehr wiege?
  • Bin ich dann Schwach?
  • Ich werde einfach nur eine kleine Portion essen, aber werde ich dann auch auf hören können?
  • Wird es nur bei der einen Portion bleiben?
  • Werde ich wieder gierig und als einzige noch eine Nachspeise bestellen?
  • Was mache ich nach dem Essen? Dableiben, nach Hause gehen, die Toilette aufsuchen?
  •  „Oh Gott! Ich muss jetzt zu Hause noch mal für kleine Mädchen gehen, denn wenn ich dort gehe, denken sowieso alle, dass ich nur kotzen gehe, auch wenn ich nichts gegessen habe!“ (Ja ich hatte mal den Fall, dass ich bei einer Stationsfeier extra vor dem Essen auf den Pott gegangen bin um eben das zu vermeiden und glatt läuft eine Ärztin mir hinterher – natürlich im Auftrag meiner Arbeitskolleg/Innen – um zu kontrollieren, ob ich mich übergebe. Dabei ist mein Essen noch nicht einmal serviert worden! Und das Beste daran war, dass ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht Bulimie hatte, sondern erst einige Monate später zum Ausbruch kam!)

Wenn ich weiter nachdenke, fallen mir garantiert noch einige Fragen ein, die sofort beim Aussprechen der Einladung durch meinen Kopf schwirren. Aber ich denke, ich hab ausreichend gezeigt, was in einen vor geht, wenn es darum geht, sich mit Freunden für einen netten Plauderabend inklusive Essen zu treffen. Gleich verhält es sich auch mit den Familienfesten und –besuchen. Wobei ich der Meinung bin – und das werden mir fast alle Betroffenen bestätigen – dass es viel schwieriger ist, wenn man bei Verwandten eingeladen ist. Immerhin will man dann die liebe Oma, die den ganzen Vortag damit verbracht hat, unzählige Kekse oder Kuchen und Torten zu backen, nicht vor dem Kopf stoßen. Ich fühle mich dann immer im Zugzwang, da ich niemand beleidigen oder enttäuschen will. „Ah, ein Stück Torte kannst du ruhig essen, hast ja zu Mittag so wenig gegessen. Davon nimmst du schon nicht zu!“ sind dann so typische Aussagen. Oder noch fieser ist es, wenn man dann zu hören bekommt: „Jetzt bin ich so lange in der Küche gestanden um zu kochen und jetzt willst du nur Salat?“

Was tut man nicht alles, um andere nicht zu kränken? Aber fragt eigentlich einmal jemand von den Verwandten, Bekannten und Freunden, was es für eine Essgestörte heißt, diese Bürde unfreiwilligerweise aufnehmen zu müssen?

Ich weiß noch, dass ich einmal wieder zu Hause auf Besuch war. Und damit ich nicht wieder unnötige Diskussionen wegen der Essensmenge auslöse, habe ich gegessen. Nur normal essen ist bei mir so gut wie gar nicht drinnen. Also habe ich zuviel gegessen und die Heißhungerattacken ausgelebt. Ohne zu erbrechen. Irgendwann habe ich mit meiner Mum darüber gesprochen, was es eigentlich heißt, wenn man zu Hause essen muss. „Ich esse um Euch einen Gefallen zu tun und um keine Diskussionen auszulösen, aber was macht ihr für mich? Hast du schon mal daran gedacht, wie es mir dabei ergeht? Weißt du, was es heißt am Sonntag abend wieder in die eigene Wohnung zurück zu kommen um dann fest zu stellen, dass ich euch zu Liebe in zwei Tagen eineinhalb Kilo zugenommen habe? Wer von uns beiden steht auf der Waage und heult? Wer muss dann wieder abnehmen, was er sich unfreiwilligerweise rauf fressen musste? Ich! Ich! Ich! Ich will das nicht mehr! Was glaubt ihr eigentlich wer ihr seid, dass ihr mir das jedes Mal wenn ich nach Hause komme antun muss? Du hast leicht grinsen! Du stehst nicht auf der Waage und heulst dir die Augen aus! Du musst nicht mit dem Gefühl leben, dass man hundert Tonnen wiegt!“ „Nein, weil ich muss das Gefühl dann aushalten können. Nicht du oder Dad, oder irgendwer sonst. Nur ich ganz allein! Verstehst du jetzt, warum ich so selten und nur ungern nach Hause komme?“ Es hat mich regelrecht wütend gemacht und ich bin sicher – wie ich mich kenne- lauter geworden, als ich ihr das an den Kopf geworfen habe. Aber ich entschuldige mich nicht dafür und es tut mir auch nicht leid. Immerhin bin ich im Recht. Und solltest du selbst nicht betroffen sein, dann frage ich dich: „Hast du dir jemals darüber Gedanken gemacht?“

So gesehen bleibt einem gar nicht anderes übrig als zu lügen oder man isst und leidet bzw. man lässt sich wieder auf einer der unzähligen Diskussionen ein. Aber egal für welchen Weg sich der Erkrankte entscheidet, er wird niemals darüber glücklich sein.

My book

Intro

Hungerkünslter Seelenhunger

Was dem Seelenglück an Größe fehlt, wird durch Essensmenge ausgeglichen ***.*** Wer sich selbst überwindet, wird stark (Lao Tse)