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*'*FOOD JUNKIE*'*

 

Worum geht es bei einer Essstörung?

Es wäre zu einfach, wenn man das in einem einfachen Satz beantworten könnte. Aber die Krankheit Bulimia nervosa/Eß-Brech-Sucht ist eine ernstzunehmende und über alle Lebenslagen einschneidende Krankheit, die man vielleicht besiegt, aber niemals vergisst.

Sie ist breitgefächert und umfasst wie schon erwähnt, alle Lebenslagen. Egal ob ich in der Arbeit damit konfrontiert werde, da ich den Patienten das Essen austeilen, vorbereiten und gegebenenfalls auch eingeben muss oder im Privaten, wenn man zu einem Familienfest eingeladen ist. Überall lauern die bösen Geister der Bulimie. Egal wo ich hingehe oder hinsehe, immer wieder tauchen sie auf. Sie schreien direkt nach mir. „Komm, iss mich! Lass dich verführen. Nimm dir doch ein Stück. Was ist bei einem Stück schon dabei? Nur ein Kleines, du wirst sehen, dann geht es dir gleich viel besser.“

Dann beginnt man sich der Sucht hinzugeben und weiß im selben Augenblick, dass man einen riesengroßen Fehler begangen hat. Heimlich stopft man schnell das vermeintlich wohltuende Stück in den Mund, kaut ein paar Mal um es dann in riesigen Bissen hinunterzuwürgen, wischt sich noch die letzten Brösel aus den Mundwinkeln, dreht sich um und geht weiter seinen Weg.

Da muss ich gleich an einen Satz denken:

„Was du heimlich isst, trägst du öffentlich zur Schau!“

Schon als Kind dachte ich mir, ich müsse heimlich essen. Essen war verboten. Nur nicht zu den Hauptmahlzeiten. Ich  weiß nur zu gut, wie es ist, beim Essen ein schlechtes Gewissen zu haben. Man könnte fast sagen, ich habe das schlechte Gewissen erfunden oder wurde zumindest damit geboren. Wahrscheinlich hatte ich schon ein schlechtes Gewissen, als ich noch ein Baby war und von meiner Mutter gestillt wurde. Saugte ich doch im wahrsten Sinne des Wortes meine Mutter auf, stahl ihr wertvolle Mineralen, Fette und Vitamine, die ja sowieso für mich gedacht waren. Aber das schlechte Gewissen kann einen auch selbst auffressen.

Ich kann nicht sagen wie oft ich heimlich in die Speisekammer gegangen bin, langsam und behutsam die Türe öffnete, rein ging, sie von innen schloss und nach Essbarem stöberte. Die Stehleiter war wie auch heute noch, an der Fensterwand angelehnt. Ohne sie aufzustellen stieg ich ein paar Stufen hinauf um ganz nach oben zu gelangen. Ganz oben lagen sie versteckt. Die Naschsachen waren immer ganz oben aufbewahrt worden, als ob wir dadurch nicht wüssten, wo sie zu finden waren oder wir sie nicht erreichen könnten. Natürlich gab es auch in Kopfhöhe Knabbereien, die, wenn man sie von oben runter geholt hatte quasi „frei“ zum Essen gegeben waren, während die anderen oben Tabu waren. Ich sage deshalb nur „quasi frei gegeben“ denn auch das ist irgendwie nicht richtig. Wir mussten immer fragen, ob wir etwas zum Naschen nehmen dürfen. Ich hätte den lieben langen Tag naschen können. Manchmal hab ich aber nicht gefragt, da ich wusste, dass meine Mum dann wieder sagt: „Nein, du hast schon so viel gegessen und bist schon so dick. Schau dich einmal an!“ Also bevor ich mir diese Sätze vorsagen ließ, nahm ich mir lieber ohne zu fragen heimlich etwas aus der Speisekammer und ging von tannen. Meistens versteckte ich die Lebensmittel in meinem Zimmer für sogenannte harte Zeiten. Harte Zeiten wie ein riesengroßer Streit in der Familie, die oft katastrophal endeten.

Die Bulimie hat nicht nur für den Betroffenen Konsequenzen, sondern reißt alle in Umfeld lebenden Beteiligten mit sich. Ständig entstehen Konflikte wegen dem Essen. Schon als Kind war das Essen oder mein Essverhalten ein Konfliktthema par exellance. Das früheste, an das ich mich erinnern kann, dass es zum Thema wurde, war als ich ein paar Jahre alt war. Schon im zarten Kindergartenalter war ich diejenige gewesen, die von uns drei Schwestern als erstes die Süßigkeiten vom Nikolaus oder Osterhasen vertilgt hatte. Danach hasste ich mich selbst. Weil ich mich nicht unter Kontrolle hatte. Aber muss man sich in dem Alter schon unter Kontrolle haben? Was bedeutet das für ein cirka vierjähriges Kind überhaupt? Ich musste mir dann wieder mal anhören lassen, dass – typisch ich – verfressen war. „Nie kannst du dir die Schokolade und die anderen Süßigkeiten besser einteilen. Schau dir mal deine Schwestern an. Die haben noch mehr als die Hälfte davon und du hast gar nichts mehr, bis auf den kleinen Schokonikolaus! Das ist immer das gleiche mit dir! Tja jetzt sieh wie du damit umgehst, während die beiden anderen noch genügend übrig haben. Das eine sage ich dir: Von mir bekommst du jetzt nichts mehr. Hättest du dir die Süßigkeiten besser eingeteilt. Du bist selber schuld!“ War ich das wirklich? Ist es nicht die Aufgabe der Eltern, jedem Kind ein richtiges Essverhalten anzueignen? Wobei ich glaube, dass ein gesundes Kind von Geburt an weiß, wann es etwas braucht oder genug hat. Aber ich war nicht wie jedes Kind. Von Anfang an nicht.

Ein eßgestörtes Verhalten an den Tag zu legen ist so einfach wie Atmen. Man merkt es anfangs gar nicht. Es kommt schleichend. Über die Jahre hinweg. Niemand wird gleich in Panik verfallen, nur weil das Töchterchen wieder mal in Windeseile ihre Naschereien verputzt hat, oder? Wer denkt sich da schon viel dabei?

Auch in der Gesellschaft bringt eine Essstörung Probleme mit sich. Manchmal ertappe ich mich heute noch, wie ich anderen beim Essen beobachte. An manchen Tagen liegt es wohl an den angeborenen sogenannten Futterneid, den jeder von der Evolution noch in sich hat und an anderen Tag ist es dieses Ekelgefühl, dass mich immer wieder hinstarren lässt. Ich muss dann die Person beobachten auch wenn mir noch so graut und angewidert bin. Dann kann ich richtig sehen, wie das Essen gekaut wird, eingespeichelt runter in die Speiseröhre und dann in den Magen wandert. So, als ob man den Körper aufgemacht hätte und die Eingeweide von außen sehen kann. Wie bei einer Schaupuppe im Biologieunterricht, der man alle Organe rausnehmen und wieder einsetzen kann.

Es kam nicht nur einmal vor, dass ich zum Essen eingeladen war oder in der Arbeit in der Kantine saß und keinen Bissen runter bekam. Da ich allein die Essensgeräusche psychisch nicht ausgehalten habe. Schon bei uns zu Hause waren Essensgeräusche verpönt. Oft reichte es schon, nur mit dem Besteck etwas zu laut herum zu hantieren um einen Streit auszulösen oder meinen Vater zumindest zur Weißglut zu bringen. Von den Essgeräuschen im Mund ganz zu schweigen.

In solchen Situation kann ich einfach nichts essen und muss dann die Einladung zwar entgegen nehmen, aber das Essen lasse ich dann lieber sausen, bevor ich mich gleich direkt am Tisch vor Ekel übergeben könnte. Das ist dann immer ein Blickfang für andere, wenn man  als einzige beim Familienfest oder Weihnachtsfeier von meinen Freunden in Eggendorf da sitzt und nichts isst. „ Warum isst du nichts? Hast du keinen Hunger. Komm,  Feste soll man feiern wie sie fallen. Du musst ja nicht ein ganzes Menü essen, aber zumindest die Hauptspeise und wenn es nur ein Salatteller ist!“ ‚Nein, danke! Allein der Gedanke, wie alle essen und bei allen das Essen in den Magen rutscht und dabei gestöhnt und geschmatzt wird, schnürt mir die Kehle zu!’ denke ich mir dann meistens. Irgendwie komme ich mir dann immer als Störenfried oder Verräter vor, wenn alle mich anstarren, darauf ansprechen oder in peinliches Schweigen verfallen. Dabei sollen die anderen doch tun was sie wollen und mich einfach nur in Ruhe lassen.

Das gestörte Essverhalten ist immer mit einem gestörten Körpergefühl verbunden. Zumindest habe ich keine kennengelernt, die nicht ein Missverhältnis zu ihrem Körper hatte. Die  Wahrnehmung verändert sich dahingehend, dass man sich selbst ganz anders wahr nimmt, als es in Wirklichkeit ist. Ich hatte schon immer ein gestörtes Verhältnis zu meinen Körper, zumindest seit ich meine ersten Erinnerungen im Leben habe. Im Kindergarten war es mir schon peinlich, wenn wir in Strumpfhosen herumturnten. Ich sehe es jetzt noch direkt vor mir, wie ich auf meinen Oberschenkel hinab sehe, als hätte ich zwei Knackwürste als Beine. Ich weiß sogar noch, dass ich eine rote dicke Strumpfhose anhatte. Ich weiß zwar heute, dass ich einfach nur einen typischen Babyspeck hatte, aber dennoch, wenn ich das Bild so wie jetzt vor mir habe, kommen sie mir extrem monströs vor. Ich glaube, dieser Gedanke hat sich damals schon in mein Gehirn gebrannt. Ich habe als Kleinkind schon darunter gelitten, dass ich korpulenter war. Ich war eben ein – nicht dickes, fettes – aber zumindest bummeliges Kind. Das sich auch bis zu meinem 28. Lebensjahr nicht ändern sollte. Aber dazu komme ich in einem anderen Kapitel noch zum Reden.

Wie Marya Hornbacher schon in ihrem Buch „Alice im Hungerland“ schreibt, geht es bei einer Essstörung auch um Kontrolle, welches wie sie sagt – und ich kann ihr nur beipflichten – ein extremes Reizwort ist. Kontrolle ist alles. Kontrolle durch andere oder durch sich selbst ist ein Maßstab, an dem man sich misst und versucht ‚unter Kontrolle’ zu halten um dann schlussendlich daran zu scheitern.

Bei der Bulimie geht es auch um die jeweilige Biographie. Jeder der Erkrankten hat seine eigene Geschichte. Die Gründe sind verschieden. Das daraus resultierende Verhalten hingegen ist öfters das Gleiche. Ich habe während der Therapie in der Psychiatrie drei Frauen kennengelernt. Alle hatten Missbrauch und Vergewaltigung in ihrer Biographie. Jede von einer anderen Bezugsperson. Die Geschichten sind grausam und dennoch so verschieden. Ich meinerseits zähle mich zu den psychischen Missbrauchsopfern, wie meine Schwester und ich gerne als „psychisch vergewaltigt“ bezeichnen. Obwohl ich eine anderen Hintergrund für meine Essstörung habe, die Gründe sind dennoch gleich. Es geht um die Rückgewinnung der Kontrolle die wir durch andere erlitten haben. War es bei den anderen der körperliche und auch zum Teil psychische Kontrollverlust durch den Peiniger, so habe ich meine Kontrolle über mich und mein Leben durch meinen Vater verloren. Und um die Kontrolle wieder zubekommen ist es für alle am wichtigsten diese Kontrolle wieder zurück zu gewinnen. Für mich hieß das, dass ich die Kontrolle behielt, was ich anzog und was ich aß. Er konnte noch so sehr an meiner Kleidung herum mäkeln, noch so sehr sagen, was ich zu essen hatte und was nicht. Ich wollte es mir nicht vorschreiben lassen. Umso mehr er Druck machte, umso mehr beharrte ich auf diese Kontrolle. Ich fühlte mich stark, wenn ich mich durchsetzte und das tat wozu ich Lust hatte. Ich dachte mir immer wieder, dass mir niemand vorschreiben kann, was ich anziehe. Ich muss es tragen und so herumlaufen. Es ging dann so weit, dass ich mich bewusst „anders“ anzog, um die Leute die mir begegneten zu provozieren. Ich war im Grunde nicht viel anders angezogen als die anderen. Ich war nur der Zeit voraus. War die Mode, die ich trug befremdend, hatte sie ein paar Wochen oder Monate jeder an. Ob es mit den Uggs war oder Stulpen, Röhrenjeans oder was auch immer. Ich war immer vorne mit dabei und lies mich extrem stark von amerikanischen Magazinen beeinflussen. Ich genoss es richtig, allen anderen voraus zu sein und nicht selten musste ich grinsen, wenn ich wieder sah, wie zwei die Köpfe zusammensteckten, herschauten und zu tuscheln begangen. Ich dachte mir: „Ihr seid wirklich arm, wenn ihr keine anderen Probleme habt, als darüber zu diskutieren, was ich trage. Aber ihr werdet schon sehen, früher oder später wollt ihr auch das haben. Habt ihr keine anderen Probleme?“ Schon schlimm, wenn in der ach so offenen Welt heute noch immer Kleidung ein Reizmittel für die Gesellschaft ist. Von wegen Fortschritt. Weil ja immer das was trendy ist auch am Schönsten ist.

Genauso verhielt es sich mit dem Essen. Als ich so viel abgenommen habe, war es auf einmal zu wenig was ich aß, musste ich mir doch fast 28 Jahre lang sagen lassen, dass ich zuviel esse und fett sei. Wie man es macht, es ist falsch. Also kann ich es gleich so machen, wie ich es will. Ich konnte es einfach nicht mehr hören, „Hanna schau nicht so!“ „Hanna mach es so!“ „Hanna pass auf in welchen Ton du redest!“ „Hanna, wie du schon wieder angezogen bist!“ Hanna dies, Hanna das… es kotzte mich einfach an. Also versuchte ich mich wenigstens was das Essen und Kleiden anbelangte, das Oberwasser zu behalten.

Außerdem geht es noch um viel mehr. Um Verzweiflung, Frust, der Gedanke an den Tod, Streitigkeiten mit der Familie und Freunden, Selbstzweifel, Entfremdung von sich und der Umwelt, Spiegel, Zitate, Magazine, Philosophie und Lebenseinstellung und vieles mehr.

Auch die Verzweiflung ist ein ständiger Begleiter sowie die Hoffnung. Verzweiflung, weil man immer wieder versagt, wo man sich doch so sehr bemüht perfekt zu sein – ebenfalls ein extremes Reizwort – es allen recht zu machen, obwohl man weiß, dass es gar nicht funktionieren kann. Wer ist schon perfekt? Wer kann es schon allen recht machen? Nur die, die in der Scheinwelt der Magazine leben, wirken auf uns Otto-Normalverbraucher als perfekt. Sie werden nur von der Butterseite des Lebens illustriert und der Rest wird – meistens zumindest – totgeschwiegen. Verzweiflung und Selbstzweifel sind bei mir immer aneinander gekoppelt. Das eine bringt das andere mit sich. Es ist mir schier unmöglich es zu trennen. Denn jedes Mal, wenn ich mir vornehme, von vorne zu beginnen, endet es damit, dass ich verzweifelt am Boden der Tatsache liege, versagt zu haben und somit an mir selbst und an meinem Geisteszustand zweifle. Auch Frust ist fast immer mit dabei. Es ist also eine Verkettung von mehreren Umständen, die die Krankheit oft daran glauben lässt, dass sie nicht zu bewältigen ist. Ob ich sie jemals bewältigen werde steht heute noch in den Sternen.

My book

Intro

Hungerkünslter Seelenhunger

Was dem Seelenglück an Größe fehlt, wird durch Essensmenge ausgeglichen ***.*** Wer sich selbst überwindet, wird stark (Lao Tse)