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Trashy Life -
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*'*FOOD JUNKIE*'*

Träume sind zum Leben da

 

Auf der Station war es sehr stressig. Wie immer in den letzten Wochen und Monaten. Ich wusste schon gar nicht mehr, was ein normaler Arbeitstag war.

Immer ging es nur stressig zu und ich konnte von Tag zu Tag immer weniger die Nerven behalten. Eigentlich erging es mir schon seit Monaten so, nur dass ich zu dem Zeitpunkt noch neue Probleme hatte, mit denen ich damals überhaupt nicht zurecht kam und nichtwissend war, was noch alles auf mich zukommen mag.

Am Gang herrschte wie immer höchste Betriebsamkeit. Alle schwirrten und kramten herum. Wieder hatten wir einige Gangbetten, dabei wurde immer wieder versprochen, dass es ein Ende nimmt und in Zukunft keine mehr geben würde.

Die Zukunft. Sie liegt immer vor einem. Nie holt man sie ein. Da kann man noch so schnell arbeiten.

Ich hatte gerade die letzten Patienten versorgt und machte mich an die Krankengeschichten, um die Visite auszuarbeiten. Innerlich stand ich komplett unter Druck und spürte, wie die Wut in mir aufstieg. Ich war wütend. Wütend, dass es nicht möglich war, einmal einen ruhigen normalen Tagesablauf in der Arbeit zu erleben. Wütend darauf, dass ich ständig nur ans Essen denken konnte, obwohl ich eigentlich ganz andere Probleme hatte und zu bewältigen waren. Nämlich der Berg an Arbeit, der noch vor mir lag und immer größer zu werden schien.

Am Ende des Flures, wo der Übergang auf die Nebenstation war, lag eine etwas kleinere Frau am Gang. Es war kein Platz mehr auf der überfüllten Station, so musste sie ein Bett am Gang in Kauf nehmen, wenn sie behandelt werden wollte. Sie sah so zerbrechlich  aus. Ihre Arme wackelten links und rechts hin und her beim Gehen. Sie ging schnellen Schrittes auf die Toilette zu. In der einen Hand eine Zahnbürste. "Wie oft hatte ich sie allein heute schon damit gesehen? Was macht sie ständig am Klo mit der Zahnbürste?" fragte ich mich und widmete mich missgelaunt weiter den Patientenkurven.

500 Ringer, 1g Penicillin, 1000ml Ringer mit Paspertin... ich schrieb alles extra auf kleinen Klebeetiketten, die dann auf die Flaschen aufgeklebt wurden. So wusste jeder für wenn sie sind und was enthalten und in welchem Zimmer der Patient zu finden war. Die kleine zerbrechliche Person kam wieder aus der Toilette und ging wieder schnurstracks zu ihrem Bett am Gang. Sie saß keine fünf Minuten und schon kam eine Mitarbeiterin des Hauses auf sie zu. Sie war Diätologin und wollte mit ihr den Essensplan für die kommenden Tage besprechen.

Eigentlich ist das nichts Ungewöhnliches und so tangierte mich die Tatsache wenig. Es verging über eine Stunde, bis die Diätologin mit ihr alles besprochen hatte. "Ein Witz ist das! Wo sie sowieso wieder alles erbricht!" kam mir in den Sinn. Meine Wut stieg noch höher bis sie schlussendlich so extrem war, das mir im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser bis zum Hals stand. Wie in Gottes Namen kann sie die Diätologin so lange aufhalten? Was bildet die sich eigentlich ein? Glaubt sie etwa, dass sie allein hier ist. Wenn das jeder macht?! So eine Frechheit!

Die Diätologin kam etwas entnervt von der Patientin zurück zum Stationsstützpunkt und sagte müde:"Was die alles nicht essen kann und nicht verträgt ist ein Wahnsinn! Dabei weiß ich doch ganz genau, dass sie sich das alles nur einbildet wegen ihrer Magersucht und Bulimie. Ich habe ihr ein paar zusätzliche Mahlzeiten angeordnet und Extranachspeisen zu den Hauptmahlzeiten hinzugefügt. Sie muss sich unbedingt daran halten. Sonst wird das nichts mehr mit ihr." fügte sie noch hinzu und ging. Sie hinterließ einen elendslangen Zettel mit Hinweisen und Informationen was sie essen darf/kann/will und was nicht.

Und schon wieder war sie da. Die unbändigende Wut. Ich arbeite weiter und dachte mir so in Heimlichen: "Die sitzt da und läßt sich glatt über eine Stund beschwatzen, als hätte die Diätologin nichts anderes zu tun und dann kriegt sie noch Extrawürstchen als ob das bei ihr irgendeinen Sinn ergibt. Die kotzt ja sowieso wieder alles raus. Da heißt es die Krankenkassen sind pleite und überall wird gespart und bei ihr wirft man das Geld beim Fenster raus, nur damit sie weiterkotzen kann!" Dann kam es über mich. Ohne mir weiter viele Gedanken zu machen, dachte ich mir:"Eigentlich könnte ich das ja auch machen. Hab das Essen sowieso nicht mehr unter Kontrolle." und schnappte mir in der Spüle eine Leibschüssel und ging in das nächste Zimmer um einen Patienten zu versorgen.

Da ahnte ich noch nicht, dass ich genau das sogar am selben Tag noch tun würde. Manchmal denke ich mir, warum hab ich mir das damals nur gedacht. Warum musste gerade in der Zeit, wo ich selber schon extreme Essprobleme hatte so eine Patientin auf der Station aufgenommen werden. Was wäre wohl heute mit mir, wenn ich die Szene nicht mitbekommen hätte. Was wenn ich an dem Tag zufällig frei gehabt hätte? Hätte ich dann selber den gleichen Weg eingeschlagen? Wäre ich dann überhaupt auf die Idee gekommen, abends nach dem Dienst, als ich wieder einmal einem Fressanfall erlag, den Finger in den Rachen zu schieben?

Hm. Schwierig zu beantworten, da ich es ja schon drei- vier Jahre zuvor schon zwei Mal gemacht hatte. Und im Alter von cirka 18 Jahren probierte ich es das erste Mal aus. Aber dazwischen vergingen immer wieder mehrere Jahre, bis ich es nochmal tat.

Ich glaube, ich erkrankte das schon als Baby an einer Essstörung. Eines Tages, als ich schon extrem viel abgenommen hatte, saß ich abends vor dem Wohnzimmerschrank am Boden und hörte gerade "Sternstunden" von Ö3 mit Gerda Rogers. Ich hatte mir schon öfters vorgenommen, einmal dort anzurufen und dieses Mal wollte ich Nägel mit Köpfen machen. Also schnappte ich mir aus dem Schrank meinen Mutter-Kind-Pass, den ich von meiner Mutter einmal mitbekommen habe. Sie meinte damals, "vielleicht brauchst du ihn später einmal, falls du wissen musst, welche Kinderkrankheiten du mal hattest." Ich war aber nicht auf der Suche nach meinen Kinderkrankheiten, sondern wollte herausfinden, wann ich genau geboren war, um den Aszendenten herauszufinden, bevor ich bei Gerda Rogers Sendung anrufen wollte.

Als ich so am Boden saß und schmökerte, fand ich einen Eintrag bei einer Routinekontrolle mit sechs Monaten. In dem stand tatsächlich, dass ich an Adipositas litt! Ich mit sechs Monaten!!! Wahnsinn. Da war die Sendung plötzlich vergessen und ich begann zu rechnen. Damals war meine Mutter gerade mit meiner jüngeren Schwester im dritten Monat schwanger. Ob ich als Baby schon etwas davon mitbekam? Hab ich etwa da schon gelernt aus Frust zu essen? Spürte ich, dass etwas "Sonderbares" mit meiner Mutter vorging?

Ich weiß es nicht. Und man wird es wohl nie herausfinden. Aber Tatsache ist, dass ich damals das erste Mal schon eine Essstörung diagnostiziert bekam. Mit sechs Monaten.

 

My book

Intro

Hungerkünslter Seelenhunger

Was dem Seelenglück an Größe fehlt, wird durch Essensmenge ausgeglichen ***.*** Wer sich selbst überwindet, wird stark (Lao Tse)